Die größte Halle der Toten Winkelhöhle: die Beziehungskrise
Forschungsgeschichte:
Eigentlich war es ein schlechter Tag. Vermutlich umsonst hatten der Gerhard Wimmer und ich, 220 Meter Seil, eine Bohrmaschine, sehr viele Laschen, noch viel mehr Maillons und von den Unmengen Ankern, dem Fotozeug und von dem anderen Gerümpel noch gar nicht zu reden, von der Ischlerhütte in weniger als zwei Stunden, zum Dreifussschacht getragen... .Na ja begonnen hat das ganze eigentlich schon zwei Tage zuvor, als in ganz Oberösterreich die Telefone wegen des Dreifussschachtes heißgelaufen sind. Ob es dort unten jetzt weitergehe oder nicht. Viele Leute und noch mehr Meinungen – wage Erinnerungen und dubiose Gerüchte waren das Resultat. Also nichts zu machen, wir mussten es selbst herausfinden. So nahmen Gerhard Wimmer und ich die Schnellaufstiegshilfe auf die Ischlerhütte und stiegen am nächsten Tag, einem Donnerstag, zur Höhle auf.
Und nach ein bisschen Herumbohren, Abseilen, Vermessen und in den A.... beißen, wussten wir es auch schon ganz genau. ...die Höhle ist aus. Darüber lachte auch der Hase dessen Knochen wir am Ende fanden. Wieder heraußen, überlegten wir was wir den restlichen Tag machen könnten. Vorschläge von Kacherlschacht bis Ahnenschacht folgten. Bis wir uns an das kleine Loch, am Weg hierher erinnerten. Da unten im Toten Winkel, über dem wir gerade saßen. Gesagt getan, nach einem kleinen Spaziergang zum Ahnenschacht, stiegen wir auch schon Richtung Toten Winkel ab, der sich unterhalb der Ostwände des Schönbergs und dessen Steinriesen erstreckt. Jedoch hatten wir erhebliche Probleme, die Doline mit dem Eingang überhaupt wieder zu finden. Fast eine Stunde brauchten wir, bis wir das richtige Loch erwischten.
Eine direkt am Jagdsteig gelegene Doline, mit etwa 4m Durchmesser, an deren einen Seite ein kleines, unbefahrbar enges, schwarzes Loch klafft. In knapp vier Stunden hatten wir das Loch dann auf so große Dimensionen erweitert, sodass es befahrbar war. Doch verschoben wir die Befahrung auf den nächsten Tag.
Halle im Südgang
Nach einem Schweinebraten, einigen Gläsern Bier und einer Nacht auf der Ischlerhütte, waren wir wieder am Eingang. Schwacher Luftzug strömte aus dem Eingang. Wir zogen uns um und schon verschwand Gerhard in dem engen Loch. Nach nur 3 Metern abseilen konnte er sich in einen kleinen Gang ziehen und ich kam nach. Die Einstiegsstelle war sehr brüchig und ein bisschen vorsichtig anzuschauen, oder auch besser einfach wegsehen. Von diesem Podest, führt dann der Einstiegsschacht direkt 43 Meter in die Tiefe, in eine Halle. Wo wir auch schon all unsere Hoffnungen platzen sahen.
Nur ein irrsinnig enger, durch Versturzblöcke verblockter Gang war der Weiterweg. Und man verspürte Luftzug - das war auch dann schon das Stichwort. Wir konnten die etwa einen Quadratmeter große Steinplatte aus dem Loch ziehen. Nun stellte sich nur noch die Frage ob wir wirklich durch sollten, denn ganz geheuer war uns diese Platte doch nicht. Bei nur geringer Fehlbelastung wäre sie wohl wieder in ihre Ausgangsposition zurückgerutscht und hätte uns gefangen genommen, wenn wir erst mal auf der anderen Seite sind.
Doch wer uns beide kennt... „Let’s break on through the other side” …und wir waren schon durch. Immer den Luftzug nach, über einige bis zu acht Meter hohe Stufen und in einen sehr engen Canyon, immer tiefer, bis wir in einem kleinen Raum standen. Gerhard war vorne und ich kam nach. So sollte ich mit dem Seil einige Meter nach links außen pendeln, zu einem Canyon, der von der anderen Seite in den Raum abbrach. Nach ein bisschen Klettern war ich auch schon verschwunden - und das für Minuten. Während Gerhard wie am Spieß schrie was nun sei, denn er konnte nicht nachkommen weil ich ja das Seil hatte, ging ich in einem riesigen Gang spazieren. Ich konnte es nicht glauben, ein Gang mit ca. 5 x 5 Metern. Ich ging einige Meter ohne ein Ende zu erreichen, dann kehrte ich zu Gerhard zurück, der mich schon aufgeregt erwartete. Schnell war er bei mir und wir begannen gleich mit der Vermessung. Wir bewegten uns zuerst in südliche Richtung, immer den Hauptgang verfolgend, der mit jedem Meter größer wurde und am Ende für uns unglaubwürdige Ausmaße, von ca. 8x 10 Meter annahm. Dann in nördliche Richtung, zuerst durch einen sehr engen, stark bewetterten Schluf. Dann folgt ein geräumiger Gang, der einige Male die Richtung ändert, bis wir plötzlich ins ewige Schwarze schauten. Wir standen in einer Halle, von der wir keine andere Seite auch nur annähernd erkennen konnten! Selbst das Halogenlicht war nutzlos. Vorsichtig kletterten wir die große, brüchige Rampe hinab, die nach unten führt, ohne zu wissen ob die Halle überhaupt so was wie einen Boden besitzt. Das war jedoch durch das Werfen von Steinen sehr schnell festgestellt. Und schon ging’s zurück um die Bohrmaschine und ein Seil zu holen. Nach wenigen Minuten seilte ich mich auch schon die letzten Meter der Rampe, zum Grund der Halle ab. Mit weichen Knie begann ich die Halle zu erkunden. Große Gänge zweigten von ihr ab, riesige Blöcke aus Sinter und Tropfsteine lagen am Boden. Wir standen in der 50 x 25 x 20 Meter großen Halle, die wir später „Beziehungskrise“ nannten. Wir machten noch einen Messzug in die Mitte der Halle und begannen den Aufstieg. 450 Meter in nur fünfeinhalb Stunden, mit Schachteinbau und Ausstieg waren das Ergebnis. Und einen Grund wieder zu kommen.
Nach drei Tagen war es wieder soweit und wir standen zum zweiten Mal in der Halle. Wieder nur zu zweit. Dies sollte die bisher erfolgreichste Tour werden. In ca. 12 Stunden vermaßen wir zu zweit 960 Meter, fanden einen wunderschönen Eisteil, nagelten uns einen Schlot hoch, erkundeten noch einmal über 200 Meter und fanden einen 2. Eingang. Dieser Schlot war leider von unten nicht kletterbar.
Innerhalb der nächsten paar Touren wuchs die Höhle dann sehr schnell auf eine gewaltige Länge an. Die derzeit vier Eingänge, geben den Zugang zu einer bisher 3697 Meter langen und 288 Meter tiefen Höhle frei. Insgesamt fanden 12 Forschungstouren in dieser Höhle statt. Wobei neben Gerhard Wimmer und mir noch folgende Personen zur dieser gewaltigen Leistung beitrugen, in dieser sehr schwierig zu befahrenden Höhle, so viel Arbeit leisteten: Ludwig Pürmayr, Wimmer Isabella, Wimmer Gabriel, Wimmer Max, Wurzinger Robert und Harry Zeitlhofer. Jeder und jede von ihnen hat sicher bei der Befahrung seine und ihre ganz besonderen Erlebnisse.
Besonders steht bei mir eine Befahrung noch ziemlich lebendig in Erinnerung, als wir die Isabella Wimmer überreden konnten, mal bei einer „eher leichteren Tour“ mit zu gehen. Ziel dieser Tour waren, die tieferen Teile des „Land der Hoffnung“. Bis dahin die tiefsten Teile der Höhle, etwa bei – 240 Meter. Schuld an allem Übel war dort unten ein Mäander, der ihr beim Aufstieg zum Verhängnisse wurde. Hinab ging ja alles leicht. Ein nur etwa 26 cm breiter Canyon, der auf 2 Meter kaum größer wird, zum Abseilen fällt man ja durch. Zuvor war das schlanke Mädchen noch auf –276 Meter und dann beim Aufstieg blieb sie dann stecken. Der Gerhard und ich, noch dazu unter ihr. Also ist sie ca. 35 Minuten gesteckt, der Gerhard und ich am selben Seil hängend, haben sie dann doch irgendwie nach oben gedrückt. Drum der Name „Wos er net dadruckt, daschieam mia“. Und am weitern Weg hinaus hat sie dann noch ein Stein geküsst. Einige Tage später hat sie dann gemeint, das es eigentlich eh ganz lässig war und sie schon wieder mal mitgehen möchte.
Raumbeschreibung:
Zum ersten Mal wurde das Horizontalsystem, der Toten Winkelhöhle über den „Strohsternbastlerschacht“ erreicht. Dieser Eingang (1762m), liegt direkt am Jagdsteig, der vom Wildkar zum Toten Winkel führt, in einer kleinen Doline. Auf den 46 Meter tiefen Einstiegsschacht, folgen einige kleinere Abbrüche, bis man in 75 Meter Tiefe auf das Horizontalsystem stößt. Von diesem Punkt nehmen die Hauptgänge des Südganges und des Nordganges ihren Ausgang.Weiter Einstiege münden in den Eisteil. Wobei hier der 8 Meter tiefe „Sternsingerschacht“ den gemütlicheren Zustieg bietet. Er mündet in die „Große Eishalle“, von welcher ein, zum Teil vereister und sehr labyrinthischer Gang, richtung Südgang führt. Weitere Zustiege zur Höhle sind das „Weineberloch“ und der eher unbedeutende „Stinkerschluf“.
Der Südgang bietet große Gänge, die zum Teil durch Verstutzblöcke geprägt sind. Auch führt er an einer größeren Halle der Höhle vorbei. Weiteres setzen einige Labyrinthe an. Auch der 60 Meter tiefe, über mehrere Stufen abbrechende „Bodenaufschacht“, nimmt hier seinen Ausgang, über den der leichteste und schnellste Zustieg zum „Land der Hoffnung“ führt. Weitere kleinere Schacht- und Canyonsysteme, die zum Teil noch unvermessen sind, führen in die Tiefe.
Der Nordgang wird durch einen sehr engen und stark bewetterten Schluf erreicht und führt dann, sich windend, zur größten Halle der Höhle, die 50 x 25 x 20 Meter messende „Beziehungskrise“. Von dort aus nehmen zwei Hauptgänge ihren Ausgang, der erste zieht mit gewaltigen Ausmaßen, von ca. 8 x 12 Meter, Richtung Norden und endet in einem Versturz.
Der zweite, ein bisschen kleiner, geht vorbei am „Leichenschauhaus“ zum Höhlenteil „Im Sumpf“, der seinen Namen alle Ehre macht. Zum einen Teil, besteht er aus schönen lehmgefüllten Gängen und einem kleinen Labyrinth. Weiteres aus einer steilen, sehr lehmigen, nach unten führenden Schichtfuge, die dann nach 40 Metern auf den „Bodenaufschacht“, in 14 Meter Höhe, trifft.
Hier beginnt der Höhlenteil „Land der Hoffnung“, der über einige bis zu 22 Meter tiefe Abbrüche, bis in –195 Meter zieht. An dieser Stelle teilt sich der Canyon. Ein Canyon führt mit sehr schönen Schlüssellochprofilen weiter in die Tiefe. Zahlreiche Engstellen und einige Schachtstufen führen hier bis in -276 Meter Tiefe, Richtung Süd-Westen.
Der andere, bis zu 35 Meter hohe Canyon führt zu Schachtabbrüchen, die in einem Mäander enden. Eine Schachtquerung würde hier eventuell zu neuen Höhlenteilen führen.
Der bisher tiefste Teil, der „Magic-Mushroom-Canyon“, nimmt nördlich der großen Halle seinen Ausgang. Zuerst führt er über den engen „Alexander-Mäander“, einige Stufen und sehr engen Schlüssellochgängen, steil nach unten, bis zur einer Rampe. Nach dieser folgen einige Abbrüche im bis zu 30 Meter hohen Canyon. Bei –210 Meter Tiefe wird eine kleine Halle angefahren. Dort, wo der „Canyon der unaussprechlichen Grauslichkeiten“ seinen Ansatz nimmt. Etliche Engstellen, Abseilstrecken und Aufstiege ziehen hier bis zum derzeitigen Forschungsendpunkt, auf –289 Meter Tiefe. Eine weitere Engstelle, mit starkem Luftzug, die nur noch 197 Meter horizontal und –45 Meter vertikal vom Feuertal - Höhlensystem entfernt liegt, zwang uns an dieser Stelle zur Umkehr,.
Weiteres wurden in der Umgebung noch die 122 Meter lange Brummbärhöhe (1626/259 a, b) (benannt nach einen uns allen bekannten Forscherkollegen... ...H... Z...) und der 26 Meter langen Toten Winkel Durchgangshöhle (1626/258 a, b) vermessen. Und noch viele andere Höhlen warten in dieser Gegend auf ihre Erforschung.
Ausblick:
Natürlich wäre es ein Wunsch, die 5 km zur Riesenhöhle noch zu schaffen. Oder gar einen neuen Zustieg für die „Sahara“ im „Feuertal – Höhlensystem“ zu finden. Die Forschungen in dieser Höhle werden jedoch mit zunehmender Tiefe immer schwieriger, enger, hochwassergefährdeter und materialaufwändiger. Fragezeichen bieten eigentlich alle drei Canyonsysteme. Auch einige noch unerforschte Gänge und Schächte gibt es noch in den tagnahen Teilen.Wir sind gespannt, welche Überraschungen und Geheimnisse wir diesem Höhlensystem noch entlocken dürfen. Wir hoffen, dass die nächste Höhlensaison auch genau so gut und unfallfrei verläuft wie diese. Weiters wollen wir uns für die Unterstützung aller Beteiligten bedanken. Ganz besonders jedoch bei den Pächtern der Ischlerhütte, bei denen man auch noch um zwei Uhr morgens ein warmes Essen nach einer langen Tour bekommt.
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