Das Ziel war heiß: die Verbindung zum Ahnenschacht, der durch die jüngsten Erfolge im Ahnengang in greifbare Nähe gerückt war. Der Weg dorthin war jedoch eher kalt, und vor allem nass. Vom vorgeschobenen Höfoparkplatz schon deutlich oberhalb der Schneegrenze stapften wir erst euphorisch, dann unverdrossen, dann leicht frustriert und am ende einfach nur noch patschnass mit Schneeschuhen Richtung Ischler Hütte, wo wir ziemlich erfroren dann eine leichte Programmänderung improvisierten und statt unsere Kneippkur zum Höhlenbiwak fortzusetzen eine Saunaeinlage im Winterraum der Hütte einlegten. Dafür warf uns Gerhard am nächsten Morgen unchristlich früh gegen 5 Uhr aus den Federn, das Frühstück bestand aus einer großen Kanne Tee und schon waren wir wieder im Schnee und kurz nach 6 Uhr tatsächlich am neuen Eingang in die Unterwelt, der unter dem freigeblasenen Einstiegstrichter als eisiger Schlauch in den körperengen und rundum glasierten Separatistenschacht abbrach.
Franz schlufte todesmutig voraus, wurde jedoch nach wenigen Metern bereits gebremst, das Seil war unter einer dicken Eisschicht total verschwunden. Kein Problem, ich hatte ja im Sack noch unser Vorstossseil. Ich verspreizte mich über Franz im Eis, fühlte mich sogar so wohl, dass ich den Schleifsack übermütig auf meinem Knie balancierte, während ich das Seil herausfischte … eine unachtsame Bewegung und Sack samt Seil machten sich auf den ungebremsten Abstieg im freien Fall. Da half kein entsetzter Schrei, auf einmal stand unsere ganze Tour in Frage und ich als Saboteur aus dem Hirlatzlager da. Doch Franz wollte sich noch nicht geschlagen geben und an der Fußschlinge meiner Steigklemme gesichert konnte er etwas tiefer tatsächlich mit einiger Mühe ein Stück Seil freibekommen. Ich bewies meinen guten Willen, indem ich weiter oben mit Steinen auf das Eis einschlug und Franzens Kragen mit Eisgrieß befüllte. Tatsächlich gelang es uns alle Meter ein Stück Seil zu erreichen und uns so gesichert langsam tiefer zu bewegen. Nach einer knappen Stunde standen schließlich alle unten und die Tour konnte nun endlich so richtig losgehen.
Der Weg durch die erst vor einem halben Jahr entdeckten Gänge der Feuertalhöhle war sehr beeindruckend. Bald hatten wir den feuchten Eingangsteil hinter uns und wanderten durch schöne Gänge mit ebenem Lehmboden, unterbrochen von ausgekolkten Canyonpassagen und gewürzt mit mehreren Schachttraversen und Kletterstellen. Eine gute Stunde vom Eingang standen wir an den Seilen, die geschickt durch eine obere Etage den Schachtabbruch umgingen, an dessen jenseitigem Ende für mich im letzten Sommer Schluss gewesen war. Ab jetzt sollte ich die Höhle eigentlich kennen, doch auch den Weiterweg am alten Biwak vorbei, wo wir Matten und Kocher aufluden, und durch den mächtigen Hauptgang, sah ich dank reichlich Karbidlicht mit neuen Augen. Nach drei Stunden in der Höhle standen wir im Feuerdom und wenig später kroch Gerhard vor mir in ein unscheinbares Bodenloch, welches den Durchstieg in den Ahnengang vermittelte.
Der enge Durchschlupf war ursprünglich von Franzosen auf umgekehrtem Weg durch den Kacherlschacht entdeckt worden; es ist mir kaum vorstellbar, dass man von der Feuertal kommend diese Fortsetzung gefunden hätte. Der Ahnengang beeindruckte durch wechselnde Profile, Abschnitte mit ebenem Lehmboden und die Einmündung des gewaltigen Kacherlschachtes, der in einem bodenlosen Abgrund weiter bis zum tiefsten Punkt der Höhle führt. Diesen ließen wir jedoch links liegen und krochen dafür durch einen ersten Versturz, um kurz darauf am ehemaligen Endversturz des Ganges zu stehen. Hier war 4 Stunden vom Eingang in einer Nische ein optimaler Biwakplatz mit ebenem Lehmboden, wo wir einen Großteil unseres Gepäcks loswurden. Nur mit Wasser sah es etwas schlecht aus, dieses gab es jedoch auf der anderen Seite des Endversturzes, durch den uns Gerhard stolz führte. Erst vor wenigen Wochen hatte er ihn zum ersten Mal überwunden.
Nach haariger Blockkletterei in stetem Tropfenfall traten wir hinaus in das Dunkel der Nacht. So schien es uns jedenfalls, als wir die gewaltige Ahnenhalle erreichten. Das Gefühl der Größe wurde noch dadurch gesteigert, dass man auf dem ebenen Boden bequem herumlaufen konnte und anhand der fernen Lichter der Gefährten einen guten Raumeindruck bekam. Der Weiterweg nach Norden führte über einen Steilabbruch durch einen gewaltigen Gang in nördlicher Richtung. An einer luftigen Traverse war schließlich das Ende der bekannten Teile erreicht und der Weg ins Neuland begann. Hier kam das Seil zum Einsatz, welches ich im Eingangsschacht so elegant gespart hatte. An guten Griffen hangelte ich mich über den Abgrund und erreichte mit einigen Sicherungsschlingen einen Block, von dem ich mühelos und ohne die Bohrmaschine zu brauchen, zum Grund der Gangfortsetzung hinabseilen konnte. Die anderen folgten und ab da ging es in 30m-Messzügen immer der Nase nach durch den 30m breiten Gang.
Franz und ich versuchten den Seitenwänden zu folgen und mögliche Abzweigungen zu erspähen, während Clemens und Gerhard den Polygonzug durch die Gangmitte legten. Doch außer einem nassen Schlot, der rechterhand in den Gang eintrat und mit einer unkletterbaren 5m-Stufe in der unbekannten Tiefe verschwand, fanden wir keine Seitengänge. Bald begann der Grund steil anzusteigen und nach 100m weitete er sich unter einem breiten Tonnengewölbe zu unüberschaubarer Größe. Wir hatten das Gefühl an einer gewaltigen Gabelung zu stehen und teilten uns deshalb auf. Franz folgte dem rechten Ast, während ich mich links hielt. Mehrfach hatte ich den Eindruck, dass enge Spalten zwischen den Blöcken nach links ziehen würden, doch kam ich immer wieder etwas höher in den großen Gang zurück. Dabei gewann ich deutlich Höhe und nach einer Weile Blockkletterei erreichte ich einen exponiert stehenden Felsen, auf dem ich mich positionierte, um zu rasten und mir etwas Überblick zu verschaffen.
Als ich mich umblickte, verschlug es mir den Atem. Weit vor mir sah ich ein einzelnes kleines Lichtlein von Franz eine Blockhalde erklimmen, die Entfernung betrug bestimmt 100m. Zurückblickend wurden gerade in ähnlicher Entfernung zwei weitere kleine Lichtlein sichtbar. Clemens und Gerhard hatten 50m in einen Seitengang hineingemessen, bis sie von einem Schachtabbruch gestoppt wurden und traten gerade wieder in den Hauptgang hinaus. Wir befanden uns in einer einzigen großen Halle von knapp 200m Länge und 80m Breite bei einer Höhe von bestimmt 60m. Ich habe schon einige große Hallen gesehen und halte mich für eher abgebrüht, aber solch einen gewaltigen Raumeindruck habe ich noch nirgends empfunden. Eine Weile beobachtete ich von meinem Ausblick die Lichtlein einfach nur, wie sie durch den Raum krochen. Dann folgte ich der linken Wand weiter bis ich auf Gerhard stieß. Er hatte eine tonige Halde bis zum Hallenende erklommen, von dem es keine Fortsetzung zu geben schien. Wir stiegen zum Messteam in der Hallenmitte ab.
Um die Zeit gut zu nützen, während sich unsere Messsklaven mit der Halle abmühten, machten sich Franz und ich mit Seil und Bohrmaschine ans Ende des kurzen Seitenganges auf, um eine Traverse über den Schacht dort einzurichten. Während ich mich stumpf die glatte linke Schachtwand entlanggebohrt hätte, hatte Franz ehrgeizigere Pläne. Rechts hatte er einen diagonalen Riss in der überhängenden Wand entdeckt, den er durch ein Abseilmanöver und einen Pendler erreichte. Eine Sicherungsschlinge, dann stopfte er ein Bein in den Riss und begann, sich vorsichtig höherzuschieben, während ich atemlos zusah. Kurz bevor sich der Riss schloss, bohrte er endlich einen Dübel, von dem er leicht abseilend mit einem weiten Spreizschritt den jenseits ansetzenden Gang erreichte. Mit einem einzigen Dübel hatte er einen Abgrund überwunden, für den ich locker 10 Löcher gebohrt hätte. Sehr beeindruckend … dumm nur, dass wir ihm auf seinem luftigen Weg nun folgen sollten. Das Seil war nur ein schwacher Trost im Riss über dem Abgrund, aber irgendwie kam jeder drüben an und weiter gings ins Neuland.
Zuerst begleitete ich das inzwischen auch eingetroffene Messteam in einen Abzweig links, der sich eher kleinräumig, aber mit Tropfsteinen schön geschmückt dahinzog und unvermutet durch einen kleinen Durchschlupf in der Wand der gewaltigen Halle ausmündete. Damit hatten wir die luftige Traverse umgangen und jeder war insgeheim froh, dort nicht zurückzumüssen. Jeder bis auf mich, denn ich hatte mich leichtsinnig erboten, das Seil wieder auszubauen und zitterte mich zurück über den Abgrund, während die anderen den rechten Gang bis zu einem Fenster in einen großen Schachtraum erforschten, in den sie sich mit Hilfe einer Reepschnur hinab ließen, um sich jedoch wenige Meter weiter vor der nächsten Stufe zu ergeben. Ich sammelt inzwischen alles Material ein und schleppte es zurück in die Halle, in der kühnen Hoffnung, den abzweigenden Gang von dieser Seite zu entdecken. Nach kurzem Rumgestolpere zwischen den Blöcken wusste ich jedoch nicht einmal mehr, woher ich gekommen war, wo die nächste Wand zu suchen sei und in welche Himmelsrichtung ich mich überhaupt bewegte. Zum Glück waren die anderen schon auf dem Rückweg und sammelten mich bald ein.
Noch zwei bewetterte Fragezeichen hatten wir längs des Rückweges zum Biwak. In das erste stürzten sich Clemens und Gerhard, ihre Hoffnung erstickte jedoch bald in wenig überzeugenden, halb zugelehmten Kriechgängen. Mehr Erfolg hatten Franz und ich. Wir erbohrten eine kleine Wandstufe am Ende eines steil ansteigenden Gängleins mit deutlichem Luftzug. Es folgte gleich wieder ein Abbruch, an schönen Kolken stiegen wir am Seil schräg abwärts. Inzwischen waren wir mangels Wasser alle recht ausgedörrt und so war es eine große Freude, als wir in einem wunderschönen Kolk einen klaren See fanden. Dummerweise war der Kolk jedoch so tief, dass wir nicht ans Wasser kamen. Versucht einmal, eine an einen Strick gebundenen Flasche zu füllen … das dumme Ding schwimmt einfach blöd rum und denkt gar nicht daran, sich mit dem erquicklichen Nass zu füllen. Reichlich frustriert gaben wir nach ein paar halben Schlucken auf. Der Weiterweg in den Abgrund wurde immer steiler, ein paar Kletterstellen traute ich mich noch hinab, Gerhard warf mir noch einmal das Maßband zu, dann traten wir den Rückweg an. Die Richtung des Ganges ist gut, der Ahnenschacht nicht mehr weit, aber unsere Motivation und unser Seil neigten sich dem Ende zu und nach 14 Stunden in der Höhle war jeder froh, sich endlich dem Biwak zu nähern.
Die Nacht war erstaunlich gemütlich, es gab wieder Kannenweise Gerhards Spezialität: schwarzen Tee mit viel Zucken und einem Schuss Hausbrand. Clemens überschlug kurz die Messdaten, kam auf den erforderlichen Kilometer Mindestmesslänge und so durften wir am nächsten Morgen nach zeitigem Aufbruch den Rückweg antreten und verbesserten mit der restlichen Akkupower nur noch eine Seiltraverse. Den Marsch verkürzten wir uns mit der Diskussion über einen passenden Namen für die Halle. Natürlich wurden reichlich Heldensagen zitiert, zu einer Einigung kamen wir aber nicht. Leider fand mein Vorschlag, die Halle „Schlumpfhausen“ zu nennen, nicht den gebührenden Beifall.
Nach 4 Stunden standen wir am Fuß des eisigen Separatistenschachtes, der mich im Aufstieg noch einmal Nerven kostete, weil mein Hintern in der Höhle einfach nicht schlanker geworden war und sich ein senkrechter Eisschluf nicht unbedingt positiv auf das Wohlbefinden auswirkt. Aber irgendwann hatten wir uns alle hochgeschrubbt und standen im dichten Schneetreiben. Unsere Spuren vom Vortag waren aber noch sichtbar und so erreichten wir ohne Probleme die Hütte und nach einer weiteren Kanne Tee unsere Autos. Erst auf der Heimfahrt in Bad Ischl verirrte ich mich ein letztes Mal und begann schon an mir zu zweifeln, als ich auf Kopfsteinpflaster die Dorfkirche zum dritten Mal umrundete, doch irgendwann hab ich auch aus Bad Ischls Innenstadt herausgefunden und auf dem Weg ins warme Bett in München konnte mich nichts mehr bremsen.
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